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YouTube vor dem Ende?

Michael Merx, 15.04.19 10:00

Nein, es ist nicht das Ende von YouTube. Ist es unsinnig, die Frage der Überschrift gleich im ersten Satz zu beantworten? Nein, denn es zeugt von der Spannung, die aktuell über der Frage nach den Folgen der EU-Urheberrechtsreform liegt. Und wir sollten ein paar Jahre zurückdenken, um zu verstehen, wie es in diesen Tagen zur Kommunikationsschlacht rund um die Deutungshoheit bei diesem Thema kommen konnte.

Am Anfang war das Internet. Eine neue, scheinbar freie Welt für Inhalte und deren Verbreitung. Dann kamen Plattformen wie Google, YouTube und Facebook, die schnell erkannt haben, welches Milliarden-Dollar-Potential in diesem neuen Medium stecken. Und schließlich haben nach und nach auch Inhalte-Hersteller wie Medien- und Musikkonzerne erkannt, dass sie in „diesem Internet“ ihren Content einstellen, Aufmerksamkeit erzeugen und die Reichweite ihrer Produkte steigern können. Und der User? Der wurde, ob gewollt oder nicht, dazu erzogen, dass er diese Inhalte kostenlos konsumieren kann. Damit haben die Inhalte-Hersteller zwei Dinge erreicht, die sie heute gerne wieder umdrehen würden. Erstens: Die Macht der Tech-Konzerne ist quasi unermesslich groß geworden. Zweitens: Die Nutzer haben eine Mentalität der kostenlosen Nutzung von digitalen Inhalten auf Menschenrechts-Ebene gehoben.

YouTube vor dem Ende Urheberrechtsform©  Tymon Oziemblewski auf Pixabay

Die aufgeheizte Debatte rund um die EU-Urheberrechtsreform spiegelt genau das wieder. Was in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Auseinandersetzung zwischen einerseits einem internetaffinen, vorwiegend jungen Lager und andererseits einer internetfeindlichen EU-Politikerkaste hochstilisiert wurde, ist nichts anderes als eine Schlacht zwischen den Plattform-Konzernen, die auf jede Art von Regulierung epileptisch reagieren, und den Verlagen und Medienunternehmen, die über den Umweg Urheberschutz endlich Kasse machen wollen. Auch die Politik hierzulande heizt diese Debatte mit an und stützt, teils aus populistischen Gründen angesichts der bevorstehenden EU-Wahlen, diejenigen, die in dieser Reform reine Zensur und das Ende der Meinungsfreiheit sehen.

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Dabei geht es im Kern zunächst nur um Urheberrechte. Die Stimmen derer, die gegen die „Entrechtung der Kreativen“ und für den fairen (finanziellen) Ausgleich für das Bereitstellen ihrer Inhalte plädieren, dringen kaum noch durch. Zu platt wird die Diskussion um Uploadfilter und Urheberlizenzen auf Willkür und Zensur reduziert. Und nein, YouTube wird nicht sterben, denn sie wenden schon heute Uploadfilter massenhaft an, um sich vor Klagen gegen Urheberrechtsverletzungen zu schützen. Und YouTube zeigt schon heute ganz deutlich, dass es ihnen nicht mehr um die vielen kleinen Start-ups und Inhalte-Produzenten geht. Wie anders ist es zu interpretieren, dass nur noch Kanäle ab einer relevanten Größe an den Erlösen aus den Werbe-Milliarden beteiligt werden?

Das EU-Parlament hat die Urheberrechtsreform bereits durchgewunken. Am 15. April folgt noch die Abstimmung im EU-Rat, danach wird die Sache verbindlich. Zwar pochen die Parteien hier immer noch vordergründig auf den Verzicht der Uploadfilter, aber auch sie werden wissen, dass die Plattform-Betreiber genau damit auf Nummer sicher gehen wollen. Niemand wird sich der potentiellen Gefahr durch teure Klagen seitens der Rechteinhaber aussetzen. Gleichzeitig wird es zu vielen Lizenzvereinbarungen mit unterschiedlichen Verwertungsgesellschaften kommen. Also Deals zwischen den Großen – in der Hoffnung, dass für die Kleinen etwas abfällt. Ganz ähnlich hat es bereits die Musikindustrie nach jahrelangem Streit mit YouTube geregelt.

So ehrenhaft der Kampf gegen die Macht der Internetplattformen und das Ringen um den Schutz des geistigen Eigentums auch ist: Bis heute ist nicht im Ansatz geklärt, wie Regisseure, Fotografen und Texter tatsächlich von dieser Reform profitieren können. Und nein, YouTube wird nicht sterben. Denn die Klagen gegen die Haftungsverpflichtungen liegen längst auf dem Tisch. Erst wenn hier Urteile gefällt sind, werden wir die Frage neu stellen. Und das kann viele Jahre dauern. Steht YouTube vor dem Ende?

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