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Musikbranche - Digitalisierung im vierten Jahrzehnt

Gernot Ohrt, 11.07.19 10:00

Während heute „Digitalisierung“ in aller Munde und für viele Firmen immer noch Neuland ist, startete 1982 mit der Einführung der „Compact Disc Digital Audio“, heute landläufig CD genannt, ein gigantischer digitaler Umbruch in der Musikbranche, der immer noch andauert. Mit der Erfindung der mp3-Datei werden keine sogenannten „Tonträger“ mehr gebraucht. Die Haptik ist verschwunden, die Musik wird digital vertrieben und gestreamt. Ist das bereits das Ende der Entwicklung? Und was kann man daraus für sich ableiten?

Als mit „The Visitor“ 1982 ausgerechnet das letzte Album der schwedischen Supergroup Abba weltweit als erste CD erschien, ahnte wohl noch keiner der Musikmanager der großen Plattenlabels, dass hiermit nicht nur die Schallplatte als gängiger, analoger Tonträger abgelöst werden würde, sondern dies vielmehr nur der Anfang eines viel größeren und bis heute andauernden weltweiten digitalen Umwandlungsprozesses der Branche war.

Popmusik als Massenphänomen

Als Beginn der modernen Pop- und Rockmusik wird oft „Rock around the Clock“ von Bill Haley genannt. Das Stück erschien 1955 und wurde als Vinylplatte verkauft. Lange war die Schallplatte der führende Tonträger auf dem Markt, bis Anfang der 70er-Jahre ein neues Massenprodukt erschien: Wer kennt heute noch eine Musikkassette? In den 70er-Jahren war dies das Medium, mit dem sich Schallplatten günstig kopieren ließen, wenngleich mit einem deutlichen Klangverlust. Für musikinteressierte Schüler und Studenten mit geringem Budget war das aber eine Möglichkeit, die eigene Musiksammlung zu vergrößern. Eine neue Langspielplatte kostete an die 20 D-Mark, da wurde genau abgewogen, welches Exemplar man sich zulegen wollte. Der Schulhof wurde zum Tauschbasar: Platten wurden für einen Tag verliehen, um sie zuhause auf Kassette aufzunehmen. Dieses Spiel wiederholte sich ständig. Musik frei zu hören war nur im Radio möglich, und wenn die Hitparade lief wurde schnell der Kassettenrecorder angeschmissen.

Mit der Musikkassette wurde Musik auch mobil: 1979 brachte der japanische Musikkonzern Sony ein handliches Gerät mit Kopfhörern, den „Walkman“, auf den Markt, der unter Jugendlichen schnell zur Kultmarke wurde. Bereits damals bangte die Musikindustrie um ihre Umsätze. Die British Phonographic Industry, kurz BPI, brachte 1980 den Slogan „Home-Taping is killing Music“ als Aufkleber auf den Plattencovern an – mit dem mahnenden Zusatz, das es illegal sei.

Digitalisierung der Musikbranche

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Home_Taping_Is_Killing_Music


Die Einführung der CD und ihre Folgen

Das „Home-Taping“, also das Kopieren von Musik auf Tonband oder Kassette zuhause, wurde aber erst später zu einem echtem Problem der Musikindustrie: Erst mit der Einführung des optischen Speichermediums, der Compact Disc, die mit einem Laser ausgelesen wird, war auch ein klanglich verlustfreies Kopieren von Musik auf Festplatte oder CD-Rohlinge möglich. Auf dem Schulhof wurde nun schwarz gebrannt. Nein, kein Alkohol, sondern Musik mittels CD-Brenner. Bei der quasi kostenlosen Weiterverbreitung von Musik blieb die Plattenindustrie auch hier außen vor. Die CD-Verkäufe gingen drastisch zurück, in den Konzernetagen von Sony, BMG, Warner, EMI und Universal brach das blanke Entsetzen aus.

Im professionellen Bereich, zum Beispiel bei Radiosendern, wurden bis in die 80er-Jahre erst nur Tonbänder benutzt. Schallplatten waren mechanisch leicht störanfällig. Neue Platten wurden „jungfräulich“ aus der Hülle genommen und sofort auf Tonband kopiert, das Band lief mit einer Geschwindigkeit von 38 cm pro Sekunde, um eine klanglich verlustfreie Kopie ohne Störgeräusche zu erstellen. Musikkassetten waren dazu ungeeignet, deren inneres Tonband lief mit nur 4,75 cm pro Sekunde, die Tonqualität war zum Senden einfach zu schlecht. Ab Mitte der 80er Jahre setzte sich die CD im Sendebetrieb als Tonträger durch. In einer Übergangszeit liefen gleichzeitig Bänder, Schallplatten, mit dem Risiko, dass sie Sprünge oder Knackser hatten, und CDs im Sendebetrieb. Mit Einführung der CD, der Digitalisierung der Musik, warnten altgediente Rockmusiker wie Neil Young, dass ganze Generationen Musik nicht mehr naturgetreu hören würden.

Musikbranche - Digitalisierung im vierten Jahrzehnt

Quelle BVMI

Der Verlust des Haptischen

Auf das, was im nächsten Prozess der Digitalisierung erfolgte, war die Musikindustrie so gut wie gar nicht vorbereitet. Die Plattenfirmen sahen ihr Geschäft von jeher im Verkauf von fertigen Tonträgern wie Schallplatte, Musikkassette oder CD. Eingeleitet wurde die nächste Stufe der Digitalisierung durch die Entwicklung des mp3-Formats. Waren die ausgelesenen Daten aus Musik-CDs riesige Dateiformate (zum Beispiel wav-Dateien), erschien Mitte der 90er Jahre ein komprimiertes, digitales Musikformat, das sich an tatsächlichem, menschlichem Hörvermögen orientierte, und so das Datenvolumen für Musik um bis zu 85 Prozent reduzierte: die Geburtsstunde der mp3.

Das sehr viel handlichere Format erlaubte einen Austausch von Musik übers Internet – wenngleich es auch mit Klangverlust verbunden war. Ähnlich wie die Musikkassette in den 70er-Jahren verbreiteten sich mp3‘s Ende der 90er-Jahre. 1999 ging mit Napster eine internationale Musiktauschbörse online. Für die Musikindustrie war dies schlimmer als jede Art der Schulhoftauscherei der früheren Jahre. Napster verband Millionen von Musikliebhabern, die munter ihre mp3‘s austauschten, kostenlos und ohne Rücksicht auf Urheberrechte oder Ansprüche der Musikindustrie. Napster war eine der am schnellsten wachsenden Communities im Netz, auf ihrem Höhepunkt Anfang 2001 hatte die Musiktauschbörse bis zu 80 Millionen User. Napster wurde mit Klagen der Musikindustrie überhäuft und musste 2001 seine Server abschalten. Der Handel mit mp3’s ist mittlerweile legalisiert, beispielsweise über Apples iTunes Store oder auch als Zusatzangebot neben physischen Tonträgern.

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Musik zur Miete: Streaming

Der bislang letzte Schritt der Digitalisierung von Musik ist der Verzicht auf den Besitz der Dateien – Musik (oder auch Filme) werden online gestreamt, entweder als Livestream oder „On Demand“, also zu einem selbstbestimmten Zeitpunkt. Die Daten werden nicht mehr heruntergeladen, sondern in Echtzeit abgespielt und empfangen. Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt, hat sich diese Technik erst mit größeren Daten-Übertragungsraten im Internet durchgesetzt. Große Musik-Streaming-Dienste wie Spotify bieten zig-Millionen Songs im Internet zum sofortigen Hören an. Eine eigene Musiksammlung muss sich keiner mehr zulegen, über ein Abonnement beziehungsweise eine Flatrate lässt sich jederzeit online die Lieblingsmusik hören.

Das Ende der Digitalisierung?

Wohl keine Branche wie die Musikindustrie hat bislang einen derart harten Ritt durch die Digitalisierung gemacht. Ist dieser Prozess mit den Streamingdiensten abgeschlossen?

Zunächst haben sich die Tonträger gewandelt: Von der Schallplatte und Musikkassette zur CD, dann weg von aller Haptik zum rein Digitalen, zu mp3 und zuletzt Streaming. Dennoch ist das Musikgeschäft kein rein Digitales, auch wenn es im vergangenen Jahr knapp 60 Prozent des Geschäfts ausgemacht hat. Der Verkauf von CDs sorgt noch für ein Drittel des Umsatzes:

Musikbranche - Digitalisierung im vierten Jahrzehnt

 

Fazit

Bemerkenswert ist die Entwicklung des Musikgeschäfts seit Einführung der CD Anfang der 80er-Jahre. Seitdem haben sich die Umsätze zunächst hin zum Digitalen verschoben, doch erstaunlicherweise gibt es seit etwa zwei Jahren wieder Anzeichen einer Umkehr: Die totgeglaubte Vinyl-Schallplatte hatte im letzten Jahr wieder einen Marktanteil von rund 4,5 Prozent. Selbst in Drogerie-Stores gibt es wieder ein ansehnliches Angebot an Schallplatten, oft originalgetreue Replikate von Kultplatten der 60er- bis 80er-Jahre – aber inzwischen werden auch Neu-Veröffentlichungen neben mp3 und CD oft auch als LP angeboten. Ist das reine Nostalgie einiger alter Plattensammler oder steckt mehr dahinter? Ist das schon der Beginn einer Umkehr von der Digitalisierung?

Musik war schon immer mit Emotionen verbunden, auf dem Höhepunkt in den 70er-Jahren war die Schallplatte ein Gesamtkunstwerk, die Verpackung war oft selbst ein eigenständiges Kunstwerk. Für die Covergestaltung wurden Künstler engagiert, davon zeugen noch Bildbände mit Cover-Art. Die britische Grafikdesign-Agentur Hipgnosis erstellte zwischen 1968 und 1985 eine Vielzahl auch heute noch berühmter Plattencover für Bands wie Pink Floyd, Genesis oder Led Zeppelin.

Mit der Digitalisierung ist dies immer weiter in den Hintergrund gerückt. Aber Musik war auch immer mehr als nur Hören, auch wenn TV-Musik-Kanäle wie Viva oder MTV inzwischen ihren Betrieb eingestellt haben.

Während die Musikindustrie mittlerweile knapp die Hälfte ihres Umsatzes mit den Lizenzgebühren für Audiostreaming erzielt, konnte auf der anderen Seite ein weltweit agierender Streaming-Dienst wie Spotify trotz über 70 Millionen zahlender Abonnenten bis Ende 2017 noch keine schwarzen Zahlen schreiben...

Musikbranche - Digitalisierung im vierten Jahrzehnt

(Quelle Statista)

 

:Digitale Transformation
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