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Moderne Recruitingprozesse - In den heimischen vier Wänden zum Traumjob

Hanna Büßecker, 18.12.18 10:00

Für nahezu jedem Unternehmen ist der Fachkräftemangel deutlich spürbar. Ausschreibungen über Online-Stellenbörsen wie Stepstone oder Monster liefern teilweise nur noch wenige qualifizierte Bewerbungen. Hat es ein Kandidat in die engere Auswahl geschafft wird – oft begleitet von Koordinierungsschwierigkeiten – in der Regel ein Vorstellungsgespräch mit dem Recruiter und der zuständigen Fachkraft vereinbart.

Dann kommt es zu einer Situation, die alle Personaler fürchten: Innerhalb weniger Minuten wird auf beiden Seiten ganz deutlich: Es passt nicht! Der Bewerber merkt, dass ihm die Unternehmenskultur viel zu altmodisch und steif ist und das Unternehmen bemängelt die hohen Erwartungen, welche der Bewerber schon zu Beginn des Gesprächs kommuniziert. Jedoch sind auf beiden Seiten bereits Kosten entstanden, die bezahlt werden müssen. Die Anfahrtskosten des Kandidaten sowie für das Gespräch angefallene Organisationskosten. Ganz zu schweigen von der verlorenen Zeit.

Helfen Auswahlgespräche per Skype oder Video dabei, diese Situation zu umgehen? Sind sie die kostengünstigere und leichtere Alternative? Oder können Fähigkeiten und Qualifikationen eines potenziellen Arbeitnehmers nur im persönlichen Gespräch festgestellt werden?

Auswahlgespraeche Skype Video 1© Pexels: Bruce Mars

Möglichkeiten zur Digitalisierung von Bewerbungsgesprächen

Die moderne Technik eröffnet vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Menschen – egal ob sich ein Bewerber gerade noch im Urlaub auf den Malediven befindet oder ein Auslandssemester in Spanien macht – beispielsweise dank Programmen wie Skype, Videokonferenzdiensten wie GoToMeeting oder Instant-Messaging-Tools wie Google Hangouts.

Der Video-Recruiting-Anbieter viasto hat dieses Jahr in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsunternehmen respondi in der Studie „Hidden Talents“ (Link: https://www.viasto.com/blog/hidden-talents-am-lebenslauf-scheitern-im-job-brillieren/ insgesamt 845 Bewerber befragt. Ziel der Studie war herauszufinden, worauf Kandidaten Wert legen, die in den letzten zwölf Monaten ein Auswahlverfahren absolviert haben.

Die Studie zeigt, dass die Hälfte der Bewerber in Zeiten des Fachkräftemangels kein Verständnis dafür hat, dass nur sehr wenige Jobanwärter zu einem persönlichen Gespräch eingeladen werden. Da es jedoch ökonomisch kaum möglich ist, jeden Kandidaten einzuladen, sollten moderne Auswahlprozesse eine stärkere Berücksichtigung finden. Auswahlgespräche erhalten insbesondere von jüngeren Kandidaten die Durchschnittsnote 2,2. Die klassische Auswahl per Lebenslauf dagegen nur eine 3,6 (https://www.viasto.com/blog/hidden-talents-am-lebenslauf-scheitern-im-job-brillieren/)

Recruiter sollten deshalb in Erwägung ziehen, erste Gespräche per Video zu führen. So kann eine größere Zahl an Bewerbern ohne erhöhten Aufwand überprüft werden. Auch zeitversetzte Videointerviews wurden in der Vergangenheit des Öfteren eingesetzt. Hier können Kandidaten innerhalb eines festgelegten Zeitraums ein eigenverantwortliches Interview führen. Es werden Fragen präsentiert und der Bewerber erhält eine kurze Vorbereitungszeit, beispielsweise zwei Minuten, um sich seine Antwort zu überlegen. Danach beantwortet er per Videoaufnahme die Frage. Im Anschluss sieht sich der Personaler das Interview an und wertet es aus. Bewerber können so besser miteinander verglichen werden.

Auswahlgespraeche Skype Video 2© Photo by rawpixel.com from Pexels

Neben zeitversetzten Videointerviews gibt es andere digitale Tools, beispielsweise Vorstellungsgespräche per Skype. Es stellt sich die Frage, ob die Nutzung digitaler Rekrutierungsprogramme eine Win-win-Situation für beide Parteien im Auswahlprozess erzeugen kann.

Der erste Eindruck zählt: Ist das face-to-face-Vorstellungsgespräch ersetzbar?

Sowohl für Unternehmen als auch die potenziellen künftigen Arbeitgeber lassen sich Vor- und Nachteile einer technikorientierten Personalauswahl erkennen.

Für Unternehmen ist vor allem aus ökonomischer Sicht die Kosteneinsparung ein ausschlaggebendes Argument für den Einsatz von Videointerviews. Es eröffnen sich jedoch noch weitere Vorteile:

  • Der Aufwand zur Koordinierung eines Termins ist im Vergleich zu einem persönlichen Gespräch deutlich geringer.
  • Aufgrund des geringeren Aufwands können mehr Bewerber gleichzeitig überprüft werden → das erhöht die Chance, den geeigneten Bewerber zu finden.
  • Die sogenannten Digital Natives erwarten neue und moderne Technologie – egal wo. Das Unternehmen präsentiert sich durch den Einsatz moderner Technik als attraktiver Arbeitgeber – in Zeiten, in denen es besonders schwierig ist, junge Arbeitnehmer zu finden und zu gewinnen.
  • Sicherung eines Wettbewerbsvorteils, da es als modernes und digitales Unternehmen angesehen wird.
  • Zeitlich flexible und ortsunabhängige Durchführung des Interviews.
  • Rekrutierung über Landesgrenzen hinweg (international).
  • Unternehmen erhöhen ihre Chance, geeignete Bewerber zu finden (passende Kandidaten werden schneller erkannt, da direkt ein persönliches Gespräch stattfindet, bevor der Lebenslauf lange studiert wird).
  • Es können besser „Hidden Talents“ gefunden werden, da die Reichweite erhöht wird und Bewerber, die sich möglicherweise derzeit an einem anderen Ort befinden, aber Interesse und Mobilität mitbringen, ebenfalls in die Auswahl miteinbezogen werden können
  • Der Hintergrund, vor dem sich der Bewerber im Video präsentiert, hilft Personalern dabei, sich ein erstes Bild zu machen.

Auch für die Jobanwärter ist diese Form der Rekrutierung gewinnbringend:

  • Sowohl die anfallenden Reisekosten als auch der möglicherweise lange Anfahrtsweg bleiben den Kandidaten erspart.
  • Das Interview kann in der gewohnten Umgebung stattfinden (beispielsweise im eigenen Arbeitszimmer) und vermittelt daher mehr Sicherheit.
  • Der Bewerber muss sich nicht extra einen Tag Urlaub nehmen und kann damit unangenehme und schwierige Erklärungen an den Arbeitgeber vermeiden.
  • Interviews können auch abends oder am Wochenende stattfinden und schränken den laufenden Arbeitsalltag nicht ein.
  • Der Prozess wird von den Bewerbern als fairer empfunden, da Video-Recruiting die persönlichste Form des digitalen Auswahlprozesses ist.

Auswahlgespraeche Skype Video 3© Photo by nappy from Pexels

Die Schattenseite digitaler Auswahlprozesse

Vorsicht: Recruiter sollten vor dem Einsatz dieser Tools die Datenschutzbestimmungen beachten, da Videointerviews personenbezogene Daten erfassen und speichern. Eine explizite Zustimmung des Kandidaten ist damit unentbehrlich. Es existieren weitere Faktoren, welche eine kritische Haltung gegenüber digitalisierten Interviews begründen.

  • Bewerber ohne die notwendige technische Ausstattung und das nötige Know-how werden möglicherweise von Anfang an benachteiligt oder ausgeschlossen.
  • Technische Schwierigkeiten, wie eine Unterbrechung aufgrund schlechter Internetverbindung, sind für beide Seiten ärgerlich. So kann eine frühzeitige Beendigung des Interviews die Folge sein.
  • Störfaktoren wie der laute Kollege am Nebentisch oder ein saugender WG-Mitbewohner können die Kommunikationen deutlich erschweren.
  • Die räumliche Distanz kann dazu führen, dass das Gespräch weniger ernst genommen wird. Eine daraus folgende schlechte Vorbereitung ist für beide Seiten ärgerlich.

Worauf sollte bei der Durchführung digitalisierter Bewerbungsverfahren geachtet werden?

Entscheiden sich Personaler für den Einsatz von Skype oder Videokonferenzen innerhalb des Auswahlverfahrens, gibt es einige Punkte, die beachtet werden sollten.

  • Technische Vorbereitung: Internetverbindung, Mikrofon und Kamera sollten vorher ausprobiert werden und auch einwandfrei funktionieren.
  • Räumliche Vorbereitung: Achten Sie auf einen ordentlichen, sortierten Hintergrund und einen aufgeräumten Arbeitsplatz.
  • Erscheinungsbild: Achten Sie auf einen angemessenen Kleidungsstil (wie bei einem persönlichen Vorstellungsgespräch). Psychologen raten Arbeitnehmern, auch im Home-Office Arbeitskleidung anzuziehen und nicht im Bademantel zu arbeiten. So entsteht eine bessere Arbeitsatmosphäre.
  • Ruhiger Raum: Keine Ablenkungen durch Mitbewohner, Familie, offene Fenster oder andere Geräusche!
  • Gleiches gilt für den Recruiter: Er sollte für Ruhe sorgen. Ein Einzelbüro ist dabei ein echter Vorteil.

Fazit:

Der Einsatz von Video-Interviews, um kostengünstig und zeitsparend mehr potenzielle Kandidaten screenen zu können, kann hilfreich und gewinnbringend für beide Seite sein. Es sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass das persönliche Gespräch und direkte face-to-face-Kommunikation einen Eindruck vermitteln, der genauer und persönlicher ist. Deshalb ist es nicht ratsam, Gespräche vor Ort ganz durch Skype-Interviews zu ersetzen. Als vorgelagerter Schritt vor einem persönlichen Kennenlernen erscheinen Video-Interviews für eine bessere Selektierung der Bewerber jedoch sinnvoll und fair – auf jeden Fall fairer als der sofortige Ausschluss aufgrund eines schiefen Lebenslaufes oder schlechter Noten.

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