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Gamification - Der natürliche Spieltrieb des Menschen als entscheidender Vorteil im Recruitingprozess?

Hanna Büßecker, 22.11.18 10:00

Die Bewerbung für die Traumstelle ist abgeschickt und kurze Zeit später erfolgt die Einladung zu einem Online-Test. Viele Arbeitnehmer, insbesondere der Generation Y, kennen solche zeitaufwendigen, eignungsdiagnostischen Verfahren. Viele Bewerber haben in Zeiten des Fachkräftemangels mehrere Stellen zur Auswahl. Bewerber können sich also aussuchen, ob Sie ein anstrengendes, langweiliges Auswahlverfahren auf sich nehmen wollen – oder etwas Neues ausprobieren und sich auf ein virtuelles Spiel einlassen wollen, um ihre Fähigkeiten zu testen.

Kann das „Aufblasen eines virtuellen Luftballons“ die Risikobereitschaft eines Kandidaten wirklich valide testen? Je größer der Ballon, desto mehr Geld kann verdient werden. Gleichzeitig steigt mit der zunehmenden Größe das Risiko, dass der Luftballon platzt. Lässt das Spiel eine Aussage über risikoaffine Bewerber zu? Kann man mit diesem Spiel wirklich herausfinden, dass sicherheitsbewusste Kandidaten auf Geld verzichten und den Luftballon entsprechend kaum aufblasen?

Gamification

 © Pexels / Gaming Photos

Um zu verstehen, was das Beispiel mit dem Aufblasen eines Luftballons mit Auswahlverfahren zu tun hat, hilft eine Erklärung des Begriffes „Gamification“.

Spielerische Personalgewinnung vs. Nutzung traditioneller Recruitingkanäle

Das Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Universität Bamberg untersucht seit acht Jahren Recruiting-Trends im Auftrag der Monster Worldwide Deutschland GmbH. Bei insgesamt tausend befragten Top-Unternehmen aus Deutschland bieten lediglich 2,5 Prozent bereits Recruiting-Spiele für Kandidaten auf der eigenen Website an. Von den befragten Bereichen IT, Automotive und Handel nutzen bisher nur 10 Prozent der Unternehmen aus dem Handel spielerische Online-Tests. 97,6 Prozent der Unternehmen schließen es auch zukünftig aus, Spiele als sogenannte Self-Assessments (Selbsteinschätzungsangebote) einzusetzen, um so einen passenden Bewerber für ein Vorstellungsgespräch zu finden. Demgegenüber stehen die Ergebnisse der Stellensuchenden: 30 Prozent von insgesamt 4.800 Stellensuchenden gaben an, dass sie Recruiting-Spiele als positiv bewerten, um die Fähigkeiten und Persönlichkeiten der Kandidaten zu erfassen (Tatjana Krieger, 2018).

Gibt es einen Grund dafür, dass Personalmanager technischen Personalgewinnungs-Methoden wie Gamification eher ablehnen? Oder ignorieren sie mit dem Verzicht auf diese Instrumente einen entscheidenden Vorteil im „War of Talents“ in Zeiten der Digitalisierung?

Digital Recruiting - Gamification - Generation X & Y

 © rawpixel

Was ist Gamification?

Die sogenannte Gamification, auch Spielifizierung genannt, ist ein neuer Prozess, der sich vom englischen Wort „game“ (Spiel) ableitet. Es werden spieltypische Elemente und Spieldesigns in neue Bereiche übertragen und integriert, nicht in spielerische Kontexte. Bisher wurden Game-Design-Elemente hauptsächlich in der Unterhaltungsbranche eingesetzt. Gamification steht ebenfalls im Zusammenhang mit „Gaming“, also „Spielen“. In diesem Kontext besitzt das Spielen einen kompetitiven Charakter. Das bedeutet, dass Wettbewerbssituationen entstehen, in denen bestimmte Ziele erreicht werden müssen und das Verhalten gesteuert wird. Offenes Spielen findet weniger statt.

Heute werden spielerische Designs, Mechaniken und Prinzipien in spielfremden Kontexten eingesetzt, wie beispielsweise in der Kundenbindung, zur Generierung von Lernprozessen oder zur Rekrutierung von potenziellen Bewerbern.

Nutzung spielerischer Elemente in Online Self Assessments

Können die Soft-Skills geeigneter Bewerber mittels Spielen auf Herz und Nieren geprüft werden – und kann so der beste Kandidat gefunden werden?

Typische Anwendungen von Gamification sind unter anderem Ranglisten, bei denen die Bewerber anhand ihrer Punkte gegenübergestellt werden und ein direktes Feedback erhalten. Die Leistung setzt sich zusammen aus Erfahrungspunkten, die gesammelt werden müssen, um in ein neues Level aufzusteigen, sowie Fortschrittsbalken bei der Aufgabenbearbeitung. Ob das Ausfüllen eines Online-Fragebogens für die Bachelorarbeit der Tochter oder die Bewertung eines Onlinediensts: Viele Internet-User haben eigentlich keine Zeit und Motivation, sich durch lange Fragelisten zu klicken. Doch dann sieht man den Fortschrittsbalken, der anzeigt, dass bereits 40 Prozent ausgefüllt sind – super, fast die Hälfte! Dann 80 Prozent. Ok, jetzt habe ich es gleich geschafft; die übrigen Fragen beantworte ich auch noch schnell…

Die Motivation zum Ausfüllen wird also offensichtlich erhöht.

Welche Vorteile bringt die Integration von Game-Design?

Die Erhöhung der Motivation von Usern oder Bewerbern ist eine der elementaren Funktionen von Gamification. Wichtig hierbei ist die Ansprache der intrinsischen Motivation. Intrinsische Motivation beschreibt die von innen heraus entstehende Motivation, eine Handlung zu vollziehen. Das heißt: Eine Tätigkeit wird um ihrer selbst willen durchgeführt – ohne äußere Anreize wie Belohnungen. Mit dem Triggern des natürlichen Spieltriebs kann die intrinsische Motivation erhöht werden.

Sowohl aus Bewerber- als auch aus Unternehmenssicht ergeben sich Vorteile durch den Einsatz von Gamification. Viele Kandidaten, insbesondere jüngeren Digital Natives erleben Gamification als interessanter als herkömmliche Auswahlverfahren anderer Unternehmen. Das sind die Vorteile für Bewerber:

  • Der häufig eintönige Bewerbungsprozess wird durch Entertainment, Emotionen und Spaß aufgelockert.
  • Die Candidate Experience (Erfahrungen der Bewerber während des gesamten Auswahlprozesses) wird dadurch erhöht und optimiert
  • Der Kandidat erhält Informationen über seinen potenziellen Arbeitgeber, bekommt Einblicke in die Abläufe – und hat Spaß dabei!
  • Komplexe Aufgaben wie Intelligenz- und Leistungstests werden einfacher und sind leichter zu bewältigen

Unternehmen können entscheidende Differenzierungsmöglichkeiten gegenüber ihren Konkurrenten ausspielen:

  • Die spielerischen Elemente erhöhen die Teilnahmequote der Bewerber und damit die Auswahl-Optionen an potenziellen Kandidaten.
  • Der Recruiting-Prozess wird beschleunigt: Spezifische Eigenschaften wie Zeitmanagement oder innovatives Denken können schneller und bei mehreren Kandidaten gleichzeitig getestet werden.
  • Gamification hilft dabei, sich im „War of Talents“ als innovativer, digitaler Vorreiter zu positionieren
  • Unternehmen haben damit die Möglichkeit realistische Einblicke in den neuen Job zu geben, Erwartungen können besser erfüllt und Enttäuschungen vorgebeugt werden

Welche Gefahren birgt Gamification im Recruiting-Prozess?

In Zeiten der voranschreitenden Digitalisierung sollte ein Unternehmen sich stets fragen, welche Trends aktuell sind und mit welchen Merkmalen es sich abheben kann. Nicht in jedem Bereich ist Gamification der Schlüssel zu mehr Kandidaten. Es ist für jedes Unternehmen ratsam, im Vorfeld genau zu prüfen, ob und welche spielerischen Elemente im eigenen Recruiting-Verfahren angewendet werden können.

Der Personalauswahlprozess muss immer bestimmte Gütekriterien erfüllen und verlässliche Ergebnisse liefern – und darf nicht unter der Maximierung des Unterhaltungsaspekts leiden. Auch die ethische Verantwortung darf nicht zu kurz kommen: Eine seriöse Planung und Umsetzung von Gamification im Auswahlprozess ist daher entscheidend. Das Kandidaten-Interesse an einer Bewerbung sollte durch die Kraft von Spielen gefördert und nicht zum Selbstzweck moralisch erzwungen werden. Ansonsten schneidet man sich als digitaler Vorreiter bei der Personalgewinnung ins eigene Fleisch – und ist schneller „game over“, als man denkt.

Digital Recruiting - Gamification

 © pixabay

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