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Facebooks Libra - die neue Weltwährung?

Michael Merx, 01.08.19 10:00

Dass Facebook irgendwann eine eigene Währung für digitale Transaktionen einführen wird, war klar. Was jetzt bekannt wurde, hat aber das Zeug für eine Revolution des kompletten Finanzsystems. Mark Zuckerbergs „Libra“ ist nichts anderes als der Versuch, eine neue Weltwährung zu etablieren.

Die Marktmacht hat er: Fast drei Milliarden Menschen nutzen Facebook, Instagram, WhatsApp und Co. Und natürlich würden sich viele Nutzer freuen, wenn sie ganz einfach per Messenger direkt an einen anderen Nutzer digitales Geld überweisen könnten. Dass das viele Kritiker und Warner auf den Plan ruft, war ebenfalls absehbar. Wir fassen den aktuellen Stand für Sie zusammen.

Facebooks Libra die neue Weltwährung© pixabay

Für das alte Finanzsystem ist Libra eine ernsthafte Bedrohung. Denn wenn eine Milliarde Menschen – so groß ist das von Experten bezifferte Marktpotential – ihre Bankkonten auflösen und ihr Geld in den digitalen Libra umtauschen, um so per direktem Kontakt von User zu User Geldtransfers abzuwickeln, dann wäre das alte Geschäftsmodell erledigt. Vor diesem Szenario warnt beispielsweise der Finanzexperte Gerhard Schick auf Spiegel Online: Neben der marktbeherrschenden Stellung im Social-Media-Markt könne Facebook diese Stellung zudem auf den Finanzmarkt ausdehnen. Dies sei problematisch, denn der Staat und die Bürger könnten im Verlauf einer Krise erpressbar werden. Er fordert deshalb, dass die Wettbewerbsbehörden aktiv werden. Gleiches fordern auch einige Notenbanken.

Der Chef der Bank of England, Mark Carney, will eine Regulierung der digitalen Geldgeschäfte. Das System müsse sicher sein, sonst dürfe es nicht auf den Markt kommen. Auch die Deutsche Bundesbank sieht gravierende Gefahren und sieht sich in die Zeiten des „Wilden Westens“ in der Finanzbranche zurückversetzt. Es wird befürchtet, dass sich digitale Währungen wie Libra in einen Marktplatz für Geldwäsche und Terrorfinanzierung verwandelt. Gerhard Schick sieht in diesem Zusammenhang die zusätzliche Gefahr, dass Steuerbehörden immer weniger Einsicht in Zahlungen und Finanztransaktionen erhalten, weil es die Möglichkeit der anonymen Zahlung gebe, ohne dass der Fiskus darauf einen Blick werfen könne. Sprich: Steuerhinterziehung im Netz könnte verstärkt auftreten.

Dass Banken kritisch sind, weil sie um ihr Business fürchten, ist nicht überraschend. Schließlich verdienen sie Geld mit Kreditvergaben und Transaktionsgeschäften wie Überweisungen und Co. Aber es gibt handfeste Gründe, warum Libra tatsächlich die Revolution im Geldsystem auslösen könnte. Der wichtigste Grund: Die neue Facebook-Währung will sich an den US-Dollar anlehnen. Vereinfacht gesagt: Ein digitaler, sogenannter „FB-Coin“ würde einem Dollar entsprechen. Damit hätte Libra, im Gegensatz beispielsweise zu Bitcoin, eine hohe Kursstabilität. Denn nach wie vor werden Bitcoins eher gehandelt als tatsächlich für Transaktionen eingesetzt. Das wäre bei Libra komplett anders, denn die Nutzer können einfach Kontoguthaben in Libra tauschen, um direkte Transaktionen machen zu können. Digitale Geld-Transaktionen im Blockchain-Verfahren brauchen keine zentrale Instanz und keine kontrollierende Bank. Denn Libra wird zu einem virtuellen Geldschein. Facebook will zwar eine externe Regulierung selbst aufbauen, Experten fordern aber eine unabhängige Kontrolle des Systems.

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Und noch ein Effekt könnte Libra stark machen: Facebook wird für digitale Geld-Transaktionen voraussichtlich wenig oder gar kein Geld verlangen. Denn Gebühren sind nicht Teil des Libra-Geschäftsmodells. Facebook sieht in den neu hinzugewonnen Datenmengen den eigentlichen Goldschatz. Denn durch die Vernetzung von Social-Media-Aktivitäten mit Geldgeschäften kann Facebook völlig neue Datensätze sammeln, die Verbraucher endgültig gläsern machen.

Nebenbei steigt die Abhängigkeit von der US-Notenbank und dem US-Finanzsystem extrem an. Da sich Libra an den US-Dollar andocken will, muss jeder Nutzer, der außerhalb der USA lebt, Dollar tauschen. Die globale US-Geldmenge würde extrem ansteigen, die Marktmacht des US-Finanzsystems wäre gemeinsam mit Facebooks Libra stark angewachsen. Libra von Facebook wird nicht das einzige System dieser Art bleiben: PayPal und Co. werden wohl eigene digitale Coins auf den Markt bringen. Auffällig bleibt: Alle Unternehmen mit relevanter Marktmacht im digitalen Finanzsektor sitzen aktuell in den USA. Vielleicht können chinesische Konzerne wie Alibaba künftig mithalten und eigene Systeme entwickeln. Da es in Europa aber keine vergleichbaren Unternehmen gibt, scheint klar, dass der alte Kontinent ins Abseits rutschen wird. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion will deshalb schnellstmöglich den sogenannten „E-Euro“ einführen – um US-Konzernen und der US-Notenbank das Feld in diesem Markt nicht allein zu überlassen. Begründung: Wenn Libra erst einmal eine Milliarde Kunden hat, dann ist der Markt besetzt und die Europäer schauen in die Röhre.

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